DER BETRIEB
Betriebswirtschaft, Steuerrecht, Wirtschaftsrecht, Arbeitsrecht
Stand: August 2001

In 'Meine Akten' einfügen

DB vom 03.08.2001, Heft 31, Seite XVIII, DB0010182
Der Betrieb > Arbeitsrecht > Nachrichten

Erste Richterin am BAG wurde 95

Am 26. 7. feierte die Bundesrichterin i. R. Dr. Anne-Gudrun Meier-Scherling, körperlich und geistig noch fit, ihren 95. Geburtstag. 1906 wurde die Tochter des späteren Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Hamm in Stendal/Altmark geboren. Sie wuchs in Naumburg, Berlin und Hamm auf, studierte Jura an den Universitäten Freiburg/Breisgau, Kiel und Berlin; vor siebzig Jahren, einen Tag vor ihrem 25. Geburtstag, wurde sie zum Dr. jur. promoviert.

Nur knapp 1,50 Meter groß, wegen „Kleinheit und Zartheit“ ein Jahr später als ihre Altersgenossen eingeschult und 1920 mit der Sondererlaubnis des Provinzial-Schulkollegiums in ein Jungen-Gymnasium aufgenommen, war sie schon in der Zeit, in der Koedukation und Gleichberechtigung noch Fremdwörter waren, für viele dank ihrer Konsequenz, ihres Durchsetzungsvermögens und ihrer Hilfsbereitschaft ein großes Vorbild. Ihr Anwaltskollege Heinz Meier, den sie 1933 heiratete, verhungerte Anfang 1947 in russischer Gefangenschaft.

Frau Meier-Scherling musste unter schwierigen Bedingungen – von der fanatischen DDR-Justizministerin Hilde Benjamin wegen ihres Eintretens für Menschenrechte, besonders für Meinungsfreiheit („Man muss doch etwas helfen, es können doch nicht alle fliehen“) verfolgt und vom russischen Geheimdienst bespitzelt – für ihren Sohn und die beiden Töchter sorgen. Schließlich blieb ihr nur noch die Flucht in den Westen, „bepackt“ mit einer Aktentasche und einer Reiseschreibmaschine kam sie von Naumburg an der Saale nach West-Berlin.

Glücklich darüber, Weihnachten 1950 in einer kleinen Wohnung im zerbombten Dortmund mit ihren Kindern wieder vereint zu sein, ging es von da an bergauf: Frau Dr. Meier-Scherling wurde Landgerichtsrätin in Dortmund, Oberlandesgerichtsrätin in Hamm und schließlich am 7. 4. 1955 als erste Frau Bundesrichterin am BAG in Kassel.

Bis zu ihrer Pensionierung am 30. 9. 1971 hat sie deutliche Spuren in der Rechtsprechung des BAG, u. a. bei den ersten Grundsatzurteilen zur Lohngleichheit von Mann und Frau, hinterlassen. Die Ende 1999 erfolgte Verlegung des BAG nach Erfurt begrüßte die Richterin, die in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Kasseler Gerichtsgebäudes ihren Lebensabend verbringt, als einen wichtigen Schritt zur Sicherung der Rechtseinheit im wieder vereinigten Deutschland: „Die schöne alte Stadt war eine gute Wahl!“.

Mit ungebrochener Aufmerksamkeit verfolgt die Arbeitsrechtlerin das Tagesgeschehen, vor allem die aktuelle Politik. Intensiv pflegt die 96jährige die Kontakte zu ihren Töchtern, einer Philologin und einer Landärztin, zum Sohn – der die Juristentradition fortsetzte und von 1993 bis 1997 Vizepräsident des LAG Frankfurt/Main war – und zu den sieben Enkelkindern sowie einer Urenkelin.

Siegfried Löffler

Top